Doch von Anfang an: Alles begann mit dem Zivildienst in Laos und dem Abschied von den Freunden zu hause. „Tschau Freunde, macht’s gut. Vielleicht kauf ich mir ja dann ein Motorrad und fahr der Küste in Vietnam entlang oder komm gar mit dem Motorrad von Laos nach Hause!“, sagte er bevor er ging. Mehr Hirngespinst als fixer Plan und ohne jegliche Vorstellung, was es alles brauchen würde um eine solche Reise zu organisieren, machte ich mich zusammen mit diesen Gedanken im Kopf auf, meinen Zivildienst in Laos zu absolvieren. In den nunmehr fast 6 Monaten im fernen Südostasien hat sich einiges geändert. Der zwischenzeitliche Plan nach dem Dienst noch zwei Monate in Südostasien herumzureisen, ist dem Vorhaben mit dem Motorrad von Laos in die Schweiz zurückzukehren gewichen. So wurde aus Hirngespinst und Utopie, greifbare Realität und je näher das Ereignis rückt, desto mehr wird mir das bewusst.
Alles ergab sich mit dem Kontakt zu „Conny“, einer Schweizerin, welche hier in Laos ihr PhD in Geographie erarbeitet. Bei ihr fand ich Unterschlupf im ersten Monat nach Ankunft in der ungewohnten Umgebung. Diverse Gespräche brachten uns zum Thema „Reisen“ und sie erzählte mir von dieser Gruppe, mit der sie eine Motorradreise von Vientiane, Laos nach Tashkent, Uzbekistan plant. „WAAAAASSS, das isch ja Hammer“, war meine Reaktion und die Trampelpfade im Hirn begannen zu leuchten und führten zu jenem anfänglichen Hirngespinst einer Motorradreise zurück in die Schweiz, welches nun zum Greifen nah schien. Mit glänzenden Augen und feurigem Geist durchbohrte ich Conny mit etlichen Fragen zu diesem Unterfangen. Schliesslich fassten wir den Entschluss, dass ich versuche sollte in der Gruppe Fuss zu fassen und so „bewarb“ ich mich schliesslich um einen Platz in dieser.
Die Gruppe, welche diesen Trip schon seit Monaten plante, war verständlicherweise am Anfang etwas skeptisch ob dem Schweizer Jungspund, der da plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Nach einigen Treffen jedoch war es vollbracht, ich wurde integriert und war nun Teil dieses Abenteuers. Anfänglich bestand die Truppe aus fünf Deutschen, welche von Laos nach Deutschland fahren wollten. Zwischenzeitlich gab es aber etliche Mutationen und Änderungen am Plan und so setzt sich die Abenteuer-Crew nun aus einem Deutschen, einem Australier, einer Schweizerin, einem Österreicher mit seinem Truck und mir selber zusammen. Horst der tourenerfahrene Deutsche, war anfänglich Willens, mit mir zusammen die Fahrt bis zurück nach Deutschland/in die Schweiz fortzusetzen. Die zur Verfügung stehende Zeit machte ihm aber schliesslich doch noch einen Strich durch die Rechnung und so war ich wieder allein mit dem altbekannten Hirngespinst. Was tun nachdem wir in Tashkent angekommen sind? Die Vorstellung mit dem Motorrad halb um die Welt zufahren um in der Heimat anzukommen liess mich nicht mehr los. Vielleicht ist dies „mein“ grosses Abenteuer, das Erlebnis meines Lebens, dachte ich mir. Angetan von den alten Geschichten von weltenentdeckenden Seefahrern, Abenteurern und der alten Indiana Jones Saga spürte ich in mir den Drang die Reise auch alleine fortzusetzen. Ich werde jene alten Pfade bereisen, welche Verbindung verschiedener Kulturen waren und sind, auf denen Güter halb um die Welt transportiert wurden, wo Geschichte greifbar nah ist. Heute fliegt man einfach über diese Pfade hinweg, kürzt die Strecke auf wenige Stunden ab, welche früher Monate in Anspruch nahm. Zentralasien als blinder Fleck auf der Landkarte, mit verwirrenden Namen und Grenzen ist für viele eine unbekannte Gegend, so auch für mich. Nicht vieles ist mir bekannt von diesen Ländern und dies weckte umso mehr den Entdeckergeist in mir. So machte ich mich daran meine Weiterreise alleine zu planen. Dies war auch der Zeitpunkt, meinem einzigen Weggefährten, der treu zu mir hält, seinen Namen zu verpassen. Jolly Jumper, oder Jolly J. soll es heissen. Die Rede ist von meinem Motorrad. Mit den Gedanken des „Lonely Cowboys“, der alleine westwärts in den Sonnenuntergang reitet, kamen mir die Schlussszenen der Lucky Luke Comics in den Sinn. So war es geschehen, die Suche nach einem Namen hatte ihr Ende gefunden und so werde ich auf Jolly J. meinen Weg Richtung Westen, Richtung Heimat antreten.
Zuerst mussten aber noch die diversen Visa für die zu passierenden Länder für den ersten Teil der Reise beschafft werden. Die geplante Route führt uns von Laos über Yunnan (China) nach Tibet, von dort aus werden wir die tibetische Hochebene passieren und nach Kirgistan fahren und dort einige Zeit verbringen. Die Reise führt uns dann über einen kurzen Abstecher nach Kazachstan in den Norden von Uzbekistan nach Tashkent. Dort werden die restlichen Gruppenmitglieder mit samt ihren Motorrädern zurück nach Bangkok fliegen um über den Landweg dann wieder nach Vientiane, Laos zu gelangen. Wir werden vor ihrer Abreise noch einige kleinere Touren von Tashkent aus machen, bevor es dann ans Abschied nehmen geht. So weit sind wir aber noch nicht. Erst musste ja noch alles organisiert werden, wobei wir zurück beim Theama Visumbeschaffung wären.
Dieses Unterfangen stellte sich als eine der grössten Hürden der modernen Menschheit heraus. Man fühlte sich bald in ein Irrenhaus versetzt mit all den wirren Formularen, Dokumenten und Vorschriften der einzelnen Länder. Hinzu kam noch, dass ausser China, keines dieser Länder eine Botschaft in Laos hat. Dies machte es uns nicht unbedingt einfacher. So wurden Pässe nach Bangkok gebracht um Kazachstan- und Uzbekistanvisum zu beschaffen. Zeitliche Verzögerungen führten zur Rückreise von Bangkok mit allen Pässen, aber ohne ein einziges Visum. So wurden die Pässe eine Woche später nochmals nach Bangkok geschickt, wo ein Freund für uns die Visa endlich abholen konnte. So dauerte der von den Botschaften auf drei, resp. sieben Tage festgelegt Prozess rund drei Wochen. Zwei der vier Visa waren erledigt. Kirgistan war das nächste Land auf der Liste. Da es wiederum andere Vorschriften für Australier und Europäer gab, mussten wir dort in die Trickkiste greifen. Über einen Visa-Dienst in Australien liessen wir uns ein Gruppenvisum beschaffen. Der Vorteil daran war, wir mussten unsere Pässe nicht abgeben und so konnte ich mich unterdessen an die Beschaffung des Aserbaidschanvisums machen. Denn meine Route führt mich dann von Uzbekistan weiter nach Turkmenistan, von wo aus ich die Fähre über das Kaspische Meer nach Baku, Aserbaidschan nehme (die Route durch den Iran wurde wegen Schwierigkeiten mit dem Visum, wegen den Unruhen, und zusätzlich erforderlichen Motorradunterlagen ad acta gelegt). So ging mein Pass auf die Reise in die Schweiz, wo ein Visabüro sich daran machte mir mein Visum zu beschaffen. Klar mussten auch hier zuerst wieder Einladungsbriefe von ansässigen Tourismusfirmen eingeholt werden und imaginäre Reisepläne ausgeheckt werden, um die offiziellen Gemüter zu besänftigen und die Ausstellung des Visums zu gewährleisten. Dies war eine Tortur, welche für alle Visa in ähnlicher Art und Weise absolviert werden musste. Nach drei Wochen bangen und hoffen hatte ich dann aber tatsächlich meinen Pass wieder in den eigenen Händen und das Aserbaidschanvisum glänzte mit handgeschriebenem Text neben all den anderen Visa. Alles in Allem, mit herumsenden des Passes, Einladungsbrief, Visabüro etc. hat mich das Aserbaidschanvisum schlappe 500 Sfr. gekostet. Da brat mir einer einen Storch, dachte ich mir, geschenkt wird einem ein Abenteuer dieses Ausmasses also nicht und am Ende der Reise habe ich wohl nicht mal haufenweise Seide und Gewürze zum verkaufen, obwohl der „Donnschtigsmärcht“ auf dem Lehnplatz an solch erlesener Ware wohl interessiert wäre. Dies würde wohl aber definitiv die Packmöglichkeiten meines motorisierten Untersatzes sprengen. So sind Investitionen dieser Art als „Expeditionskosten“ abzuhaken und einmal getätigt, gleich schon vergessen. Denn hier geht es nicht um Geld, um Budgetreisen, um den 20-Dollar Ryanair Flug oder das Schnäppchen-all-inclusive Hotel in Mallorca. Bei dieser Reise ist der vielbesagte Weg das Ziel und so geht es um simplere und doch bedeutendere Dinge wie entdecken, erleben, sehen, staunen, begreifen, erlernen, bewundern, hinterfragen, erkennen, geniessen, aufnehmen, begehen, wandern, beschreiten, schweben, abheben und wieder landen. So freue ich mich nun, nach all den Strapazen mit der Vorbereitung (aus Überlegungen der Leserfreundlichkeit nicht gänzlich wiedergegeben), auf dass die Reise endlich beginnt. Alles hinter mir zu lassen, abzuschalten, die Sinne auf Empfang zu schalten und einfach unterwegs zu sein, nicht um möglichst schnell anzukommen, sondern um des Weges Willen, dies soll der Sinn dieses Abenteuers sein.